Der gelbe Engel der Bünstorfer Heide

Purpurrot leuchtete das Heidekraut vor dem lauen Abendhimmel und passend dazu flatterte ein gelber Schmetterling durch die Luft. Hinter uns ein riesiger Findling, daneben eine Bank aus rohen Baumstämmen, in deren Lehne der Name „Herman Löns“ eingemeißelt war. Der schwere Geruch des Spätsommers lag in der Luft.
„Und was machst Du für eine Werkstatt?“
„Führungskräftetraining und Konzeptentwicklung. Und Du?“
„Klingt spannend“, sagte ich, denn unter dem ersten konnte ich mir zwar etwas vorstellen, unter dem zweiten aber nicht. „Ich mache Storytelling.“
Wir waren in Bad Bevensen bei der Sommerakademie einer großen Stiftung und wollten nach dem Abendessen mit anderen Trainern noch ein bisschen in der Klein Bünstorfer Heide spazieren gehen.  Etwas Natur tut immer gut. Ein paar Meter vor uns liefen Karriereplanung und Theaterpädagogik, ebenfalls im tiefen Gespräch.
Die Trainerin neben mir lachte, wahrscheinlich hatte sie meine Gedanken erraten: „Ich glaube, ich weiß, was du denkst: Konzepte? Das kann doch jeder!“ Jetzt lachte ich, ertappt!
„Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was bei der Erstellung von Konzepten alles schief gehen kann. Unklare Ziele, mangelnde Kommunikation mit dem Auftraggeber, schlechte Planung, fehlende Zieldefinition … Ich könnte Dir Geschichten erzählen“, fuhr sie fort.
„Geschichten erzählen? Ja bitte!“, mein Interesse war sofort geweckt und als wir eine  Stunde später wieder im Auto saßen, hatte ich zumindest so viel verstanden: Ein gutes Konzept definiert klar den Startpunkt A, den Zielpunkt B und den genauen Weg dorthin.
Katja Ischebek, so hieß meine Gesprächspartnerin, fragte: „Alle angeschnallt?“ und als wir drei bejahten, fuhr sie los. Aber dann knirschte es vorne rechts am Auto ganz ordentlich.
„Ups, da lag wohl ein Stein im Gras.“ Wir nickten, es war uns auch schon passiert, dass wir einen Stein oder einen Ast am grasüberwucherten Straßenrand übersehen hatten.
„Ich fahre lieber zurück.“ Doch wieder knirschte es vernehmlich.
„Das muss ein Ast oder ein Stein sein, den ziehe ich mal weg“, sagte ich, stieg aus und kniete mich auf den Waldboden. Es war aber kein Ast und auch kein Stein, sondern ein alter Betonpfosten, der geborsten im langen Gras lag und dessen Stahlarmierung sich unter dem Auto verfangen hatte.
Das sah nicht gut aus.
Wir stiegen alle aus und begutachteten die Situation im Schein der Handy-Taschenlampen: Der Stahl hatte zwei Löcher in eine Abdeckung vorne rechts unter dem Auto gebohrt, und sowohl Vorwärts- als auch Rückwärtsfahren würde die Situation nur verschlimmern.

Unsere Blitzanalyse sah folgendermaßen aus:
Ausgangssituation A: Auto steckt fest.
Zielsituation B: Auto ist frei, fahrbereit und wir fahren zurück zur Akademie, um den Seminarraum für morgen vorzubereiten.
Der genaue Weg? Unbekannt.
Was tun? Handlungsoptionen entwickeln!
1) Auto mit Wagenheber anheben und so die Verkeilung lösen, schied mangels Wagenheber aus.
2) Den Betonpfosten ausgraben und so vorsichtig vom Auto lösen, funktionierte auch nicht, da der Pfosten tief im Boden verankert war. Außerdem gefiel dieser Plan einem Stakeholder an der Situation gar nicht, nämlich der Blindschleiche, die unter genau diesem Pfosten ihr Nest gebaut hatte und nun verärgert davon kroch.
3) ADAC anrufen. Denn auch wenn wir vier Trainer geballte Kompetenz in unserem jeweiligen Fachgebiet versammelt haben, muss man für eine gute Handlungsplanung immer auch die Grenzen der eigenen Expertise erkennen.

Als schließlich der örtliche ADAC über die Freisprechanlage von Katjas Auto anrief, lachte er laut auf, als Katja beschrieb, wo wir festsaßen. Denn genau das hatte vorher telefonisch bei der Auftragsannahme der Gelben Engel nicht geklappt. Katja hatte sich alle Mühe gegeben, trotz wackeliger Netzverbindung zu beschreiben, auf welchem Waldweg wir uns standen. Leider zeigte die automatische Meldung nach dem Gespräch einen ganz anderen Ort an. Und auch wenn ich kein Experte für Konzepte wie Katja bin, war mir klar: Die beste Lösung, ein gelber Engel, hilft uns nicht, wenn er nicht dorthin fährt, wo wir stehen. Bei den folgenden Anrufen, als Katja versuchte, eine Korrektur unseres Standortes zu veranlassen, kam als Antwort nur: „Ich kann Sie auf der Karte nicht finden, tut mir leid.“
Deshalb lachte auch der örtliche ADAC-Helfer: „Ja, ich weiß, wo das ist, das können die Kollegen auf der hinterlegten Kartensoftware tatsächlich nicht finden. Aber lasst mich raten: Ihr hängt da nicht zufällig an so einem Betonpfahl fest, oder?“
Unsere Sprachlosigkeit deutet er als Zustimmung: „Kein Problem, bin in 10 Minuten da. Ist heute übrigens schon das dritte Mal. Bis gleich.“

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und so sahen wir schon von weitem die grellen Scheinwerfer des Abschleppwagens. Der Fahrer sprang heraus und rief:
„Guten Abend. Da bin ich wieder. Lass mich mal sehen.“
Er holte zwei starke Akku-Lampen aus dem Wagen und legte sich neben das rechte Vorderrad.
„So etwas hatte ich heute schon mal. Das kriegen wir hin.“ Im Schein der Lampen dirigierte er: „Ganz nach rechts. Okay, jetzt ein bisschen nach links. Hmm, ok.“ Er kam kurz hoch und sagte: „Das kann jetzt einen Moment dauern. Aber je besser ich die Lage verstehe, desto besser und schneller wird auch die Lösung sein.“
Es war spät, wir wollten nur noch zurück in die Akademie, aber was hatte Katja vorhin im Zusammenhang mit dem Konzepttraining zitiert, als wir durch die blühende Heide gingen? Richtig, es war Einstein, der gesagt haben soll: „Wenn ich 60 Minuten hätte, um die Welt zu retten, würde ich 59 Minuten auf die Definition des Problems verwenden.“
Der ADAC-Helfer stand auf, ging zum Auto und sagte: „Ich probiere mal was aus.“ Er befestigte das Stahlseil der Autowinde an dem Betonpfosten. „Mal sehen, ob ich das so rausziehen kann.“  Die Winde war stark, aber der Pfosten im Boden war stärker und so rutschte der große Abschleppwagen langsam auf uns zu.
„Okay, geht nicht. Wäre schön gewesen, aber es hilft mir auch, wenn ich weiß, was nicht geht.“ Er legte sich wieder ins Gras und setzte seine Analyse fort. Dann ging er im Schein seiner Taschenlampe zurück zum Auto und kam mit einem anderthalb Meter langen Stahlrohr zurück.  Und dann ging alles ganz schnell: Er setzte das Stahlrohr an die Eisenstreben des Betonpfostens an, dirigierte das Auto drei Zentimeter vorwärts, dann fünf Zentimeter rückwärts, ließ Katja ganz rechts und dann ganz links einschlagen und bog dabei an den Streben herum. Nach kaum fünf Minuten stand er zufrieden auf: „Das war’s. Ihr könnt losfahren.“

Wenn es also noch eines Beweises bedurft hätte, dass Katjas Reden über Konzeptentwicklung nicht nur graue Theorie waren, hier im abendlichen Wald hatten wir ihn:

Je besser das Konzept, desto besser die Lösung – egal ob im Unternehmen, bei der Seminarplanung oder eben im Wald in der Bünstorfer Heide.

Gastbeitrag von: Jörg Ehrnsberger.
Jörg Ehrnsberger ist Autor und Storytelling-Trainer aus Hamburg. Gern erzählt er auch mit Ihnen zusammen eine Geschichte. Oder er bringt Ihnen gleich bei, wie Sie Ihre Story selbst erzählen. Kontakt: joerg@storytelling.coach